Spiegel Online, 31.10.2019

 

Dieser CDU-Landrat liebäugelt mit der Linken

Thüringer Politiker Werner Henning

Eichsfeld ist ein einzigartiger Landkreis in Thüringen: Die Region ist stark katholisch geprägt, eine historische Besonderheit in Ostdeutschland. Die CDU erzielte hier bei der jüngsten Landtagswahl einen zum Teil fast doppelt so hohen Stimmenanteil wie im Landesschnitt, im Wahlkreis Eichsfeld I kam sie auf mehr als 40 Prozent.

Die Linke, im thüringischen Gesamtergebnis klare Wahlsiegerin, holte in Eichsfeld nur rund 15 Prozent der Stimmen.


WICHTIG

Vor allem vor diesem Hintergrund ist die Haltung des Eichsfelder Landrats Werner Henning (CDU) zu einer Koalition mit der Linken besonders: Anders als die CDU auf Landes- und Bundesebene schließt er diese Option nicht aus. "Ich fände es gut, wenn die CDU sich auch mit der Linken wie sie heute ist, versucht, offen zu befassen", sagte Henning dem MDR
.

Denn das Ziel müsse sein, "dass dieses Land regierbar bleibt
". Vor zehn, 15 Jahren wäre eine Zusammenarbeit mit der Linken "noch ein Tabubruch gewesen", sagte Henning. "Da dachte man bei 'Der Linken' an Klassenstandpunkt und ideologische Bekenntnisse. Davon kann man heute so nicht mehr reden."

Der Landrat selbst wurde erst im vergangenen Jahr mit 82,2 Prozent wiedergewählt, seine Region ist erzkonservativ. Zum linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow hat er ein gutes Verhältnis. Dem "Tagesspiegel"
sagte Henning kurz vor der Landtagswahl, Ramelow stehe in seiner "recht unideologischen Herangehensweise" den früheren CDU-Ministerpräsidenten nicht nach. Er schätze an ihm sein "Bemühen um Korrektheit, Ehrlichkeit, Ausgleich und seine vergleichsweise unprätentiöse Art".

Hennings Offenheit gegenüber der Linken hängt auch damit zusammen, dass er grundsätzliche Kritikpunkte vieler CDU-Kollegen nicht teilt und stattdessen für mehr Pragmatismus plädiert. Die Diskussionen um den Umgang der Linken mit ihrer DDR-Vergangenheit bezeichnete er im Deutschlandfunk
als "ziemlich akademische Themen".

Es sei "überhaupt nicht hinnehmbar, dass Linke und AfD in einem gleichen Atemzug als radikale Ränder bezeichnet werden", sagte Henning.

"Der Freistaat lähmt uns im Alltagsgeschäft"

Streit hatte auch er schon mit Politikern der Linken, etwa um eine Kreisgebietsreform. Für eine Koalition auf Landesebene könne er sich aber "vorstellen, dass man sehr pragmatisch auch Geschäftsfelder abschichtet und dann Wort hält in einem wertkonservativen Sinne: Ein Ja ist ein Ja und ein Nein ist ein Nein."

Nachdem die CDU inzwischen jedoch eine Zusammenarbeit mit der Linken in Thüringen ausgeschlossen hat
, ist der Kommunalpolitiker Henning besorgt: "Der Freistaat lähmt uns im Alltagsgeschäft."

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