Hinterländer Anzeiger, 05.06.2012

 

E.on verkauft die "Mitte"

Landkreis und Stadtwerke sehen Chance für die Region

Der E.on-Konzern will drei seiner Netzpakete verkaufen, darunter seinen 74-Prozent-Anteil am Nieder- und Mittelspannungsnetz in Hessen, Thüringen sowie Randgebieten von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, bestätigte Landrat Fischbach. "Wir sehen den Verkauf als Chance für die Region. Gerade wegen des Netzumbaus für die erneuerbaren Energien soll das Netz wieder in die Hand der kommunalen Träger", findet er.
Die 13 kommunalen Anteilseigner, darunter die Landkreise Marburg-Biedenkopf (zwei Prozent), Lahn-Dill und Waldeck-Frankenberg, hätten über die neue Situation gesprochen und auch Ideen, wie eine Übernahme des Netzes durch die kommunalen Träger gelingen könne, sagte Fischbach weiter.
E.on ist nach den Konzessionsverträgen, die gut die Hälfte der Städte und Gemeinden im Kreis erst vor Kurzem mit den Stadtwerken Marburg-Biedenkopf erneuert oder erstmals geschlossen haben, gegen den kleinen Konkurrenten vor Gericht gezogen. Wieso der Konzern nun die umkämpften Netze verkaufen will, kann Fischbach nicht sagen. "In so großen Konzernen sind die Geschäftsstrategien nicht zu durchschauen."
Norbert Schüren, Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg-Biedenkopf, mutmaßt, E.on wollte vorher mit allen Mitteln sein Netzpaket zusammenhalten, um einen besseren Verkaufspreis zu erzielen – deshalb die Klage. Der Verkauf an sich überrasche ihn wenig, sagte Schüren. "E.on hat schon länger, unter anderem wegen seiner Geschäfte in Spanien, große Verluste gemacht, die der Konzern nun weltweit wieder einspielen will. Dazu braucht E.on Geld." Die sicheren fünf oder sechs Prozent Dividende, die die Netze abwerfen, würden dem Konzern nicht reichen. Die Hochspannungsnetze seien schon seit drei Jahren an ein Finanzkonsortium verkauft, berichtet Schüren. Auch er sieht Chancen für die Region.
Aber: "Alleine können die kommunalen Versorger das Paket natürlich nicht stemmen", erklärt Schüren. Er setzt auf einen Zusammenschluss mit großen Kommunalversorgern wie der Thüga (kommunales Netzwerk lokaler und regionaler Energieversorger), zu der auch die Mainova oder die Stadtwerke Kassel gehören.
Gemeinden im Hinterland hatten E.on als zuverlässigen Partner gewählt
"Die kommunalen Träger müssen die Netze übernehmen. Andernfalls kommt ein Finanzinvestor, vielleicht eine amerikanische Gruppe oder die Allianz", fürchtet Norbert Schüren. Mit einem kommunalen Träger kämen sicher auch die von E.on blockierten Übernahmen durch die Stadtwerke wieder in Gang, hofft Schüren. Und was sagen die Gemeinden, die sich erst kürzlich für die E.on-Mitte als "langfristig zuverlässigen Partner" entschieden und Konzessionsverträge mit Laufzeiten über 20 Jahre mit der Firma geschlossen haben? Und die dafür zum Teil mit einer Verlegung der E.on-Niederlassungen (Beispiel Dautphetal und Gladenbach) belohnt werden sollten?
Die Verträge mit den Kommunen bleiben bei einem Verkauf bestehen, versichert Landrat Fischbach als Mitglied des E.on-Mitte-Aufsichtsrates.
Und die anderen Zusagen? 15 Arbeitsplätze in einer neuen Niederlassung von E.on Mitte in Dautphetal waren beispielsweise Teil der Abmachung, als die Gemeinde E.on den Zuschlag bei der Konzessionsvergabe gab. Passiert ist bisher nichts. "Wir stehen zu unserer Vereinbarung", hatte E.on-Mitte-Pressesprecher Burkhard Schmidt noch im Dezember versichert. "Wir als Objekt des Vorgangs können gar nichts dazu sagen", lautete sein Kommentar gestern. Und Dautphetals Bürgermeister Bernd Schmidt (FW) war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.