DIE WELT, 05.06.2012

 

Energiewende macht der Wirtschaft Angst

Neuer Index der Deutschen Energie-Agentur zeigt zunehmende Sorgen über die Versorgungssicherheit

Daniel Wetzel

Die deutsche Wirtschaft bewertet die Energiewende einer Umfrage zufolge deutlich schlechter als die Politik. Nach einer von der Deutschen Energie-Agentur (Dena) veröffentlichten Umfrage haben die Unternehmen vor allem erhebliche Bedenken hinsichtlich der rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für die Umstellung der Energieversorgung. Nach der Befragung sieht die Wirtschaft die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes als gefährdet an. Viele Unternehmen fürchten zudem eine Verschlechterung der Versorgungssicherheit in den kommenden zwölf Monaten.

Zur Begleitung der Energiewende haben die Dena und die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young einen Deutschen Energiewende-Index (DEX) geschaffen, für den jetzt erstmals Ergebnisse präsentiert wurden. Der DEX basiert auf einer Befragung von Managern verschiedener Branchen und soll quartalsweise erhoben werden. Damit soll ein regelmäßiges Stimmungsbild zur Energiewende aus Sicht der Wirtschaft erstellt werden. Die Bewertungsskala reicht von 0 (negativ) bis 200 (positiv). Mit einem Wert von 38,5 besonders negativ benotet wurden die Rahmenbedingungen.

"Die aktuellen DEX-Werte machen deutlich, dass vor allem bei den Rahmenbedingungen etwas getan werden muss", sagte Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler. Der Ausbau der erneuerbaren Energien müsse besser mit dem Ausbau der Stromnetze koordiniert werden. Zudem müssten Marktbedingungen geschaffen werden, die den Bau neuer Gaskraftwerke und Speicher wirtschaftlich rentabel machten.

Je nach Branche fielen die Einschätzungen unterschiedlich aus. Die Energieverbraucher (DEX: 95,9), Netzbetreiber (DEX: 97,4) und Energieversorgungsunternehmen (DEX: 100,6) waren eher negativ bis neutral gestimmt. Positiv beurteilten Politik und Interessensverbände - insbesondere aus der Erneuerbaren- Energien- und der Energieeffizienz-Branche - die Energiewende (DEX: 121,3). Sie erwarteten eine günstige Entwicklung auf die Beschäftigtenzahl (DEX: 122,7). Auch Firmen, die Produkte und Dienstleistungen für die Energiewende herstellen (DEX: 105,7) sowie Investoren (DEX: 108,3) vertraten eine positive Einschätzung. Alle Antworten zusammengenommen ergab sich ein weitgehend neutraler DEX-Durchschnittswert für das zweite Quartal dieses Jahres von 100,8. Unterdessen meldet allerdings die energieintensive Industrie eine deutliche Verschlechterung in der Versorgungsqualität. Nach der offiziellen Statistik hat Deutschland zwar immer noch eines der zuverlässigsten Versorgungssysteme weltweit, mit Stromausfällen von durchschnittlich 20 Minuten pro Jahr. Allerdings werden von dieser Statistik nur Stromausfälle erfasst, die länger als drei Minuten anhalten. Kurze "Mini-Blackouts" werden jetzt erstmals vom Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) erfasst. Sie können in bestimmten Branchen zu erheblichen Problemen und Produktionsausfällen führen. Es gebe immer öfter kurzfristige Stromversorgungsstörungen, berichtet der VIK jetzt. Nach einer nicht repräsentativen Mitgliederbefragung haben die Störungen seit 2009 um rund 30 Prozent zugenommen. Besonders die Quote der Kurzzeitunterbrechungen unter den Unterbrechungszeiten habe sich deutlich erhöht: Von 59 Prozent (2009) sei diese auf 72 Prozent gestiegen. Zu den Kritikpunkten gehört auch die Kostenentwicklung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte 2011 zugesagt, die Kostenbelastung der Verbraucher durch Ökostrom-Beihilfen solle 3,6 Cent pro Kilowattstunde nicht überschreiten. Am Montag gab erstmals ein Unionspolitiker zu, dass Merkel die Zusage nicht werde halten können: Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte, er rechne mit einem deutlichen Anstieg der im Strompreis enthaltenen Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien. "Ich wage die Prognose, dass die Umlage für erneuerbare Energien, die nach Berechnungen der Bundesregierung bei etwa 3,5 Cent pro Kilowattstunde liegen sollte, an die Marke von 5 Cent herankommen wird", sagte Kauder.

Ein solcher Sprung nach oben könnte die Strompreise im Jahr 2013 deutlich nach oben treiben, da dies für einen Haushalt rund 50 Euro an Mehrkosten allein durch die Ökostromumlage bedeuten könnte. mit rtr;dapd

"Die EEG-Umlage dürfte an 5 Cent herankommen" Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionschef