www.FAZ.NET, 28.07.2014

 

Das Starsystem von Real Madrid

Von Kroos bis JamesReal Madrid setzt seinen Einkauf von Weltklassespielern wie Toni Kroos und James Rodriguez fort. Das Geschäftsmodell generiert hohe Werbeeinnahmen, bietet aber sportlich reichlich Konfliktstoff.

„Willkommen, auf Deutsch, titelte die spanische Sportzeitung „Marca, als Toni Kroos als neuer Spieler von Real Madrid vorgestellt wurde. Endlich war offiziell geworden, was die spanischen Medien schon während der Weltmeisterschaft in Brasilien aufgeregt kolportiert hatten: dass „der beste Passgeber des Turniers die Reihen des aktuellen Champions-League-Siegers verstärken würde.

Ein Sechsjahresvertrag mit einem Nettohonorar von sechs Millionen Euro jährlich - Ablöse: 25 Millionen - erscheint noch nicht einmal übertrieben für den früheren Bayern-Spieler, der sich das Trikot mit der Nummer acht überstreifen wird; vor ihm trugen es in Madrid Größen wie Paul Breitner, Bernd Schuster und Ricardo Kaká.

Transfers deutscher Spieler haben dem spanischen Rekordmeister meist Glück gebracht. Mesut Özil kam 2010 für 15 Millionen von Werder Bremen und wurde drei Jahre später für mehr als das Dreifache an den FC Arsenal verkauft. Dazwischen lagen viele magische Augenblicke, herrliche Pässe und die milde Enttäuschung darüber, dass Özil nicht ganz der Matchwinner wurde, den man sich erhofft hatte. Und den die Madrider Fans jetzt in dem nüchternen Toni Kroos sehen. Bevor der 1,82-Meter-Mann in der Hauptstadt eintraf, hatte „Marca ihm schon vier Titelseiten gewidmet.

Natürlich ist all das Teil der Propagandamaschine von Real-Boss Florentino Pérez, der die Anhänger jeden Sommer unfehlbar mit einem Einkauf von Weltklasseformat überrascht, manchmal auch mit zweien oder dreien. Kroos jedenfalls machte seine Sache gut und professionell: Er trat vor 10.000 Zuschauern und bei 40 Grad in der Sonne elegant gegen den Ball, versprach, weitere Titel zu gewinnen, und strahlte ansonsten die Selbstsicherheit des frischen Fußballweltmeisters aus.

Noch galaktischer wurde es am vergangenen Dienstag, als vor 45.000 Zuschauern erstmals der Kolumbianer James Rodríguez im weißen Leibchen auftrat. Der WM-Torschützenkönig (sechs Treffer) mit dem lieben Lächeln und der furchterregenden Schusstechnik unterhielt das - großenteils kolumbianische - Publikum mit Kunststückchen, schoss hundert Bälle auf die Ränge, ein kleines Geschenk des Hauses, und innerhalb einer Stunde waren im Stadionshop schon die ersten 900 James-Trikots mit der Rückennummer zehn verkauft. Umsatz: gut 90.000 Euro. Da der Klub für den Mann 75 Millionen Euro an den AS Monaco überweist, ist es wichtig, dass die Amortisierung gleich auf Hochtouren läuft.

Was einen zu der Frage führen könnte, ob das Starsystem Real Madrid in dieser Saison aufgehen wird. Zunächst ist es dem Verein gelungen, mit James, Kroos und wahrscheinlich auch dem Torhüter Keylor Navas aus Costa Rica (bisher Levante) ohne großes Tauziehen einige der herausragenden Spieler der WM zu verpflichten. Die beiden Feldspieler befinden sich mit 23 und 24 Jahren noch nicht einmal auf ihrem Leistungszenit. Sollte sich die Navas-Verpflichtung bestätigen, dürfte Real mit einer Gesamtausgabe von insgesamt 110 Millionen Euro (der FC Barcelona steht bei 145 Millionen) davonkommen.

Dem steht möglicherweise eine fette Kasse von bis zu 75 Millionen entgegen, sollte Ángel di María, wie das Sportblatt „As berichtet, den Verein tatsächlich in Richtung Paris-Saint-Germain verlassen. Der Argentinier soll mit seinem Standing unzufrieden sein. Gerüchte ranken sich auch um den Verbleib von Sami Khedira, der im Umfeld des Vereins trotz seines starken Turnierauftritts kaum erwähnt wird.

Der FC Arsenal soll an ihm Interesse bekundet haben. Wird es konkreter, wird sich Real den Verzicht auf den defensiven Mittelfeldmann teuer bezahlen lassen. Zusammen mit den 20 Millionen Euro, die der Klub für den Verkauf seines Nachwuchsstürmers Álvaro Morata an Juventus Turin einstreicht, könnten die Transfereinnahmen sogar erstmals in vielen Jahren die Ausgaben übertreffen.

Stand Klubchef Florentino Pérez bis vor drei Monaten noch ein bisschen dürftig da, was die erreichten Titel betrifft, hat er mit dem Gewinn der „Décima im vergangenen Mai einen großen Sprung nach vorn gemacht. Nicht nur die Mannschaft, auch der gelassene Trainer Carlo Ancelotti war in der Champions League auf der Höhe. Geschäftlich läuft die Sache sowieso.

Längst hat Real Madrid mit mehr als einer halben Milliarde Euro Umsatz im Jahr Manchester United von der Top-Position der Großverdiener verdrängt - der FC Barcelona folgt auf Platz zwei, Bayern München auf Rang vier -, und die Geldvermehrung verspricht weiterzugehen, wenn der Umbau des Bernabéu-Stadions zu einem Luxustempel mit VIP-Präferenz eine um 40 Prozent bessere Nutzung der Weltmarke Real Madrid erlaubt.

Neuzugänge wie Rodríguez und Kroos wissen genau, warum sie bei ihrer Präsentation als Erstes davon sprachen, sie könnten mit dem enormen Druck umgehen, den das Tragen des Real-Trikots mit sich bringt. Hier wird eine unfassbare Menge Geld verdient. Die Spieler treten gegen ein opulentes Gehalt 50 Prozent ihrer Bildrechte ab und erlauben dem Starsystem damit konstant hohe Werbeeinnahmen. Gegen dieses Geschäftsmodell finden Kritiker, die auf Reals 540 Millionen Euro Bankschulden verweisen, kaum Gehör.

Kopfzerbrechen auf allerhöchstem Niveau bereitet nur die Zusammensetzung der Mannschaft, in der sich die Stars auf den Füßen stehen werden. In Cristiano Ronaldo, Benzema, Bale, James Rodríguez sowie den jungen Spaniern Jesé und Isco steht ein unglaubliches Sturmpotential zur Verfügung, in Kroos, Luka Modric und Xabi Alonso ein Trio hochklassiger Spielgestalter. Gibt es da noch genug Männer fürs Rennen und Schuften? Könnte Real Madrid vor Schönheit entgleisen? Die Erwartungen beim zehnmaligen Champions-League-Sieger sind jedenfalls so hoch wie selten.