Bergedorfer Zeitung, 29.09.2018

 

Wie Hightech das Leben leichter macht

Von

Natascha Plankermann

Rollstühle, Gehhilfen und Co. machen den Löwenanteil bei der Pflegemesse Rehacare 2018 aus, die am heutigen Sonnabend zuende geht. Rund 600 von insgesamt 960 Ausstellern zeigten alles, was Menschen mit Behinderung und Senioren mobil bleiben lässt. Die Redaktion stellt eine Auswahl der aktuellen Entwicklungen vor, die von einer immer größeren Bevölkerungsgruppe benötigt werden: In Deutschland lebten Ende 2017 nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen.

Der Gehstock verrät den Standort des Besitzers

Ältere Menschen oder von Demenz Betroffene können die Orientierung verlieren. Die Firma Ossenberg hat deshalb eine besondere Gehhilfe, den Smartstick, entwickelt - leicht, weil aus Carbon, und höhenverstellbar mit integrierter Elektronik: Ein GMS-Modem, eine GPS-Antenne und eine SIM-Karte der Telekom sind eingebaut, sodass der Besitzer des Gehstocks überall in Deutschland und in Europa lokalisiert werden kann. Außerdem wurde ein Notrufsystem integriert, sodass zum Beispiel die Angehörigen oder die Polizei angerufen werden können.

Ein faltbarer Reha-Autositz für die Reise

Eltern behinderter Kinder haben auf gemeinsamen Reisen viele Probleme: Der Nachwuchs soll sicher Platz nehmen und weder in Bus oder Bahn, im Auto oder im Restaurant vom Sitz oder Stuhl rutschen können. Um dies zu verhindern, hat der Reha-Hersteller Thomashilfen einen transportablen, faltbaren Reha-Reise-Autositz entwickelt, der auch im Flugzeug ins Handgepäck passt.

Der Sitz ist ausgelegt für Jungen und Mädchen von 15 bis 36 Kilo und hat einen stabilen, gepolsterten Schutzrahmen. Kopfund Seitenpelotten unterstützen das Kind bei der aufrechten Körperhaltung, während unter anderem ein Positionierungsgurt das Herausrutschen verhindert. Ein separater Gurt ermöglicht die sichere Befestigung.

Gehbehinderte können wieder laufen

Die Beine und der Rumpf sind sicher eingefasst von einem stützenden Gerüst, das therapeutisch beim Stehen und Gehen hilft - das ist die Idee von Indego, einem Exoskelett der Firma Parker Hannifin. Das neue Modell wiegt weniger als 15 Kilo und wurde für Menschen entwickelt, die aufgrund einer Rückenmarksverletzung oder einer anderen neurologischen Diagnose gehbehindert sind. Eine spezielle Software ermöglicht die Geh-Therapie, und wer intensiv trainiert, kann wieder schneller und besser marschieren.

Die Firma Ottobock hat mit C-Brace eine Beinorthese entwickelt, die es Menschen möglich macht, Treppen hinunterzulaufen oder das Bein unter einer Last zu beugen - auch wenn die entsprechenden Muskeln ganz oder teilweise gelähmt sind, etwa als Folge einer Kinderlähmung. Die Orthese kann unter der Kleidung "versteckt" und mit Hilfe einer App übers Smartphone bedient werden.

Gegen das Zittern am Rechner hilft ein Maus-Adapter

Wenn die Hände nicht mehr ruhig bleiben, wird es schwierig, eine Computermaus oder den Touchscreen des Smartphones zu bedienen. Speziell für Menschen mit Tremor, etwa infolge einer Parkinson-Erkrankung, wurde das Hilfsmittel AM-Aneo von CSS Micro Systems entwickelt: Es ist ein unterstützender Maus-Adapter, der über eine USB-Schnittstelle angeschlossen wird - man steckt das etwa zigarettenschachtelgroße Gerät zwischen Maus und PC oder Notebook und verbindet es über Bluetooth mit dem Tablet. Dank eines Algorithmus errechnet es aus den unruhigen Zitterbewegungen die gewünschte Aktion, sodass die Betroffenen wieder richtig tippen können.

Wie Blinde am Touchscreen eine Pin eingeben

Klaus-Peter Wegge, Leiter des Siemens Accessibility Competence Center (ACC) an der Universität Paderborn, ist von Kindheit an blind und hat sich mit seinem Team mit der Frage beschäftigt, wie ein Blinder seine Geheimzahl in ein Bankterminal mit einem Touchscreen eingeben kann. "Aus Sicherheitsgründen war eine Sprachausgabe der Geheimzahl ja keine Option", erläutert er. "Wir arbeiten mit der bekannten Telefontastatur und denken uns auf der 5 eine Münze. Der Sehbehinderte schiebt mit einem Wisch die imaginäre Münze entweder nach oben oder unten, rechts oder links oder diagonal und kommt nach einer Bestätigung mit Doppelklick auf die Mittelposition zurück. Außer der Ziffer 0 erreicht er so mit einem Wisch jede Ziffer."

Der Praxistest mit 600 Anwendern hat beste Resultate ergeben, sodass das Bezahlsystem in Australien bereits eingesetzt wird - in Deutschland ist es auf der Rehacare zu sehen.

Mehr Informationen gibt es im I-Internet unter www.barrierefrei.bayern.de >Magazin >Siemens: Technologien der Zukunft.