Die Zeit, 10.05.2012

 

Ein Blackout ist möglich

Die Politik muss die Rahmenbedingungen ändern, damit die Energiewende nicht zum Drahtseilakt wird

Die Energiewende ist seit fast einem Jahr beschlossene Sache. Dennoch verschwinden die Zweifel an dem Projekt nicht. Das Vorhaben verschlinge Unsummen, heißt es. Strom werde zum Luxusgut. Windräder und Stromleitungen verschandelten die Landschaft; schöner werde Deutschland jedenfalls nicht. Obendrein sei in Zukunft nicht einmal sicher, ob jederzeit Strom aus der Steckdose komme.

Das Problem ist, dass an manchen der Zweifel etwas dran ist - allerdings bei Weitem nicht genug, um die Energiewende grundsätzlich infrage zu stellen. Der Kern des Vorhabens, dessen Vollendung mehrere Dekaden beanspruchen wird, besteht schließlich in der Abkehr von jenen Energien, deren Nutzung nur auf Kosten zukünftiger Generationen möglich ist. Dadurch soll dann den Menschen geholfen werden, die von den Auswirkungen der Erderwärmung oder von möglichen Reaktorunfällen betroffen sind. Sie werden nämlich durch die Folgen der Erzeugung und des Verbrauchs von kohlenstoffhaltigen oder atomar erzeugten Energien de facto enteignet.

Es ist wichtig, sich dieses fundamentalen Zusammenhangs bewusst zu sein, um den Stellenwert der Bedenken gegen das Projekt richtig einzuordnen. Dass die gegenwärtige Energieversorgung eigentlich unbezahlbar ist, weil ihr Schadensrisiko "die gesamte Regenerations- und Regelfähigkeit der Erde bedroht", wie es schon vor zwanzig Jahren in einer Expertise für das Bundeswirtschaftsministerium hieß, wird nämlich gerne vergessen. Besser: verschwiegen.

Selbstverständlich ist es eine enorme Herausforderung, die fossil-atomaren Strukturen in ein weitgehend regeneratives Energieversorgungssystem zu überführen - zumal dann, wenn sich zentrale Akteure so verhalten, als sei der Kurs gar nicht geändert worden. Dass sich ein Bundesumweltminister, so wie es Norbert Röttgen jüngst tat, für die Erhöhung der Pendlerpauschale stark macht, ist ein bemerkenswerter Vorgang - ebenso wie der Umstand, dass der zuständige Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sich weigert, für mehr Energieeffizienz zu sorgen. Nicht umsonst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel jüngst eine Runde von Managern und Experten versammelt, um sich Klarheit über die akuten Herausforderungen des Energiewendeprozesses zu verschaffen - ohne die beiden Minister.

Bei dem Kolloquium ist herausgekommen, dass unter den Bedingungen des Status quo Strom-Blackouts nicht auszuschließen sind. Wie angespannt die Lage ist, hat Anfang der Woche auch die Bundesnetzagentur zum wiederholten Mal wissen lassen - jene Behörde, die für das Funktionieren des Strommarktes zu sorgen hat.

Warum könnten die Lichter ausgehen? Weil die Regierung nach der Fukushima-Katastrophe das Ruder praktisch von heute auf morgen herumriss und acht Kernkraftwerken das endgültige Aus verordnete. 6000 Megawatt an Kapazität für die Stromerzeugung gingen so kurzfristig endgültig vom Netz.

Zu einem Blackout kam es bisher dank der Eingriffe der Netzbetreiber trotzdem nicht, auch nicht während der kalten Tage im Februar. Dennoch, anzunehmen, Deutschlands Stromversorgung sei jederzeit sicher, weil inzwischen viele Wind- und Solarkraftwerke gebaut worden seien, wäre falsch. Erstens erzeugen sie Strom nur dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Zweitens stehen sie oft nicht da, wo der Strom gebraucht wird. Und drittens fehlen in wichtigen Regionen die für den Transport großer Mengen Elektrizität nötigen Leitungen.

Die Situation ist in ganz Deutschland unkomfortabel. Besonders prekär ist sie aber in Süddeutschland, wo nach Lage der Dinge im Jahr 2022 - dann, wenn auch der letzte Atommeiler vom Netz gegangen sein soll - die installierte Leistung der herkömmlichen Kraftwerke um bis zu 43 Prozent schrumpft. Netto, neue Gas- oder Kohlekraftwerke sind dabei schon berücksichtigt (siehe Grafik).

Damit Haushalte und Betriebe trotzdem nicht von Stromausfällen überrascht werden, muss Vorsorge getroffen werden. Eine vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit dafür ist die Anpassung der Stromnachfrage an das -angebot. Kühlschränke beispielsweise könnten einige Stunden vom Netz getrennt werden. Lebensmittel verderben deshalb nicht, es lässt sich aber Kraftwerkskapazität einsparen. Allerdings reicht solches demand side management nicht aus, um über die mageren Jahre zu kommen, die erst dann zu Ende gehen werden, wenn das regenerative Stromsystem samt der dazugehörigen Infrastruktur (Leitungen und Speicher) steht.

Bis dahin werden noch einige konventionelle Kraftwerke gebraucht, vor allem Gaskraftwerke. Nur, unter den obwaltenden Umständen findet sich kein Investor dafür. Das liegt an dem niedrigen Preis an der Strombörse, aber auch daran, dass die neuen Kraftwerke von den 8760 Stunden, die ein Jahr hat, womöglich nur einige hundert Stunden gebraucht werden. Selbst wenn in diesen Stunden der Strompreis exorbitant hoch sein sollte, glaubt offenbar niemand, genug zu verdienen, um das Investment zu rechtfertigen. Bleibt es dabei, wächst nicht nur die Gefahr von Blackouts; die Energiewende selbst gerät dann in Gefahr.

Um es so weit nicht kommen zu lassen, sind die Rahmenbedingungen auf dem Strommarkt zu ergänzen: durch einen Anreiz für die Schaffung von konventioneller Kraftwerksleistung. Neben der Erzeugung und Lieferung von Kilowattstunden wird auf diese Weise die Gewährleistung von Versorgungssicherheit zu einem eigenen Gut. Erfahrungen mit einem solchen Marktdesign, für das sich inzwischen der Begriff Kapazitätsmechanismus etabliert hat, liegen bereits aus Spanien, Schweden, Finnland und dem Nordosten der USA vor. Für Deutschland gibt es immerhin eine Reihe von Expertisen, die auch Auskunft darüber geben, wie sich das neue Instrument möglichst wettbewerbskonform ausgestalten ließe. Die Kosten sind überschaubar. Sie belaufen sich auf maximal 0,2 Cent pro Kilowattstunde. Das ist ein erträglicher Obolus dafür, dass die Energiewende kein Opfer eines Kurzschlusses mit politischen Folgen wird.

Die Zeit drängt, auch wenn vor der Bundestagswahl wohl nichts aus dem Vorhaben werden wird. Aber im nächsten Koalitionsvertrag muss es auf der To-do-Liste stehen. Ganz oben.