Mannheimer Morgen, 10.05.2012

 

„Ob uns Verlust entsteht, ist rein spekulativ“

Mitte 2015 soll Block 9 des Mannheimer GKM nun in Betrieb gehen. Zuletzt verzögerten fehlerhafte Stahlteile den Baufortschritt. BILD: rinderspacher

Von unserem Redaktionsmitglied

Frank Schumann

Mannheim. Nach außen gaben sich die beiden Mannheimer Bauherren mit dem derzeit größten Investitionsprojekt der Stadt gelassen. Nach mehrmaligen Verzögerungen soll der neue Kohleblock 9 des Großkraftwerks Mannheim (GKM) jetzt Mitte 2015 in Betrieb gehen. Das sagte Markus Binder, Kaufmännischer Vorstand des Unternehmens, gestern beim Bilanzpressegespräch in Mannheim. Weder er noch sein Vorstandskollege Karl-Heinz Czychon, der das Technikressort verantwortet, wollten allerdings die Lieferanten an den Pranger stellen, die die Verzögerung zu verantworten haben. Zur Frage nach möglichen Konventionalstrafen oder gar Schadenersatzforderungen für entgangenen Gewinn äußerten sich die GKM-Vorstände nur sehr zurückhaltend.

„Wir treffen Vereinbarungen“

Nach den Worten von Binder lässt sich nicht einmal sagen, ob dem GKM durch die spätere Inbetriebnahme von Block 9 – ursprünglich war Ende 2013 geplant gewesen – überhaupt Gewinn entgeht. „An der Gesamtlaufzeit des Blocks ändert sich ja nichts“, sagte er. „Es ist nicht absehbar, ob überhaupt ein Verlust entsteht. Denn wie sich die Preise künftig gegenüber den aktuellen entwickeln, ist rein spekulativ.“ Bei der Frage nach Konventionalstrafen oder gar Schadenersatzforderungen äußerte sich Binder nicht konkret. „Wir sind dabei, mit den beteiligten Unternehmen Vereinbarungen über die Abwicklung des Projekts zu treffen.“ Zu näheren Inhalten dieser Gespräche könne er aber „keine Angaben machen“.

Wie berichtet, haben Mängel an den Stahlstützen für das Mahl- und Kohlebunkerhaus von Block 9 die neue Verzögerung verursacht. Der Lieferant – die Alstom Boiler Deutschland GmbH – hat sich zu einem kompletten Austausch der Stützen entschlossen. Czychon kommentierte die „Qualitätsprobleme“ des Lieferanten mit den Worten: „Auf anderen vergleichbaren Baustellen in Deutschland gab es solche Probleme nicht.“

Mindestens ebenso stark wie die Bauverzögerung haben das GKM zuletzt die Folgen der Energiewende beschäftigt. Anfang Februar lief der 1966 in Betrieb genommene Block 3 des GKM insgesamt 122 Stunden als sogenannte Kaltreserve. Damit sind Kraftwerke gemeint, die bei Stromknappheit, etwa weil zu wenig Wind weht, einspringen, um die Energieversorgung zu sichern. Dabei erzeugte Block 3 bei voller Auslastung zeitweise mehr Strom als alle Wind- und Photovoltaikanlagen in Deutschland zusammen.

„Konventionelle Kraftwerke wie das GKM werden aus Gründen der Versorgungssicherheit unverzichtbar bleiben“, sagte Binder mit Blick auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Auch für den kommenden Winter ist Block 3 wieder als Kaltreserve für die deutsche Stromerzeugung eingeplant. Nach Angaben des Kaufmännischen Vorstands sind weitere Investitionen in die Technik des GKM nötig, um die Anlagen an den flexiblen Einsatz im Zusammenspiel mit erneuerbaren Energien anzupassen. Konkrete Summen ließen sich aber noch nicht nennen.

Den Zuwachs erneuerbarer Energien bekam das GKM im vergangenen Geschäftsjahr beim Stromabsatz zu spüren, der um fast elf Prozent abnahm. Der Umsatz stieg gleichzeitig, weil das Unternehmen gestiegene Kohlepreise an seine Abnehmer – die GKM-Anteilseigner RWE, EnBW und MVV – weitergab. Für sie erzeugt das GKM sozusagen zum Selbstkostenpreis Strom, bei einem vertraglich festgelegten, unveränderlichen Gewinn in Höhe von zehn Prozent des Grundkapitals.