Westfälischer Anzeiger - Hammer Zeitung, 27.07.2017

 

'Hamm nutzt Potenzial nicht'

ADFC fordert von der Stadt mehr Initiative für das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel

HAMM Zwei Tage nach dem Sattel-Fest mit erneut mehr als 50000 Teilnehmern hat sich der Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) noch einmal zu Wort gemeldet und die Stadt ermahnt, das Fahrrad als Verkehrsmittel im Alltag ernst zu nehmen und das Radwegenetz auszubauen sowie vorhandene Wege regelmäßig und angemessen zu reparieren. Hamm trag zwar seit 24 Jahren den Titel 'Fahrradfreundliche Stadt', 'aber das Fahrradfahren ist in Hamm nicht Leitkultur wie in anderen Städten in Nordrhein-Westfalen', sagte Vorstandsmitglied Rainer Wilkes.

Der ADFC will aber nicht einfach nur meckern, sondern legt der Stadt eine schonungslose Analyse der Ist-Situation auf den Tisch:

J Zahlreiche Hauptverkehrsstraßen verfügen nach wie vor über gar keine begleitenden Radwege, zum Beispiel die Unnaer Straße nach Bönen, die Bundesstraße 63 auf dem Abschnitt Goethestraße/Richard-Wagner-Straße sowie Kamener Straße und Heessener Straße.

J In den Stadtteilen Bockum-Hövel, Heessen und Pelkum gebe es großen Nachholbedarf für Alltagsradwege. Damit sind Fahrradwege gemeint, die primär nicht touristischen Zwecken dienen, sondern auf denen Radler alltäglich auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und zur Schule sicher und komfortabel fahren können.

J Nach wie vor fehle es in Hamm an ausreichenden Kapazitäten, um Fahrräder sicher und ordentlich parken zu können. Ein markantes Beispiel dafür, dass die Bedürfnisse von Fahrradfahrern nicht einmal bei der Planung von Neubauten ausreichend berücksichtigt werden, sei das neu gebaute Heinrich-von-Kleist-Forum direkt gegenüber vom Hauptbahnhof. Hier sei eine hohe Frequenz erwartbar gewesen, weil sowohl die Stadtbücherei als auch VHS und SRH viele Radverkehre anziehen. 'Es gibt dort einfach nicht genug Stellfläche, um die Fahrräder ordentlich und sicher abzustellen', sagte Wilkes.

J Die vom Perthes-Werk betriebene Radstation am Hauptbahnhof hat ihre Öffnungszeiten eingeschränkt und nunmehr sonntags geschlossen. Das verschärfe den Parkdruck für Radfahrer am Hauptbahnhof erheblich.

J Bislang gibt es keine Angebote für integrierte Mobilität. Wünschenswert wäre beispielsweise eine kostenlose Mitnahme von Fahrrädern in den Bussen. Die Haltestellen bieten außerdem keine Abstellanlagen für Radfahrer, die Fahrrad- und Busfahren kombinieren möchten. Auch finde keine Mobilitätsberatung statt.

J Fahrräder mit Elektromotoren erleben seit Jahren einen Boom. In Hamm fehle es an der nötigen Unterstützung für E-Biker. Weder biete die Stadt Ladestationen an noch einen Verleih. In Nachbarstädten, wie zum Beispiel in Soest, sei das erkannt worden. Dort gebe es bereits entsprechende Angebote.

J Besonders ärgerlich findet der ADFC-Funktionär, dass Radfahrer in Hamm auch heute immer noch zum Absteigen und Schieben aufgefordert werden, sobald Baustellen eingerichtet werden. 'Das ist Steinzeit und macht das Radfahren sicher nicht attraktiver', sagte Wilkes.

Der ADFC kritisiert, dass die Stadt Hamm vor allem solche Maßnahmen fördere, die sie selbst nichts kosten. Die Aktionen Stadtradeln und Sattel-Fest seien zweifellos positiv besetzt. Doch reiche es für eine fahrradfreundliche Stadt auf Dauer nicht aus, nur auf dem touristischen Feld zu punkten. 'Die Stadt gibt selbst an, dass sie in den zurückliegenden sechs Jahren von knapp 100 Millionen Euro für den Straßenbau nur etwa 15 Millionen Euro für Rad- und Gehwege ausgegeben hat. Das ist deutlich zu wenig', so Wilkes. Der Anteil des Fahrrads am Gesamtverkehrsaufkommen betrage aktuell schon 19 Prozent, solle in den nächsten zehn Jahren aber auf 25 Prozent gesteigert werden. Das auch deshalb, weil das Fahrrad das Mittel der ersten Wahl in Hamm ist, um die Klimaschutzziele quasi im Alleingang zu schaffen. 'Dies auch, weil es so schön billig ist.' Investitionen in den Öffentlichen Personennahverkehr, zum Beispiel die Einführung von emissionsfreien E-Bussen, würde hohe Investitionen erfordern.

'Unser Fazit ist klar: Hamm nutzt sein Potenzial beim Thema Fahrrad noch immer bei weitem nicht aus.'

Von Detlef Burrichter