Frankfurter Rundschau online, 10.04.2018

 

Feuerwehr Frankfurt: „Gelassenheit ist das einzige Rezept, das hilft“

Haben Sie schon realisiert, dass Sie nach 15 Jahren als Stellvertreter nun Chef sind?
Gedanklich ist das noch nicht ganz bei mir angekommen. Das ist natürlich eine Umstellung. Aber ich denke, in ein paar Wochen wird sich das legen.
Haben Sie Angst vor den großen Fußstapfen des langjährigen Vorgängers Reinhard Ries?
Wir haben beide bereits festgestellt, dass wir die gleiche Schuhgröße haben. Aber im Ernst, Vergleiche sind immer schwierig. Der entscheidende Punkt ist doch: Die Organisation muss funktionieren, dafür brauchen sie viele Köpfe, der an der Spitze muss sich voll und ganz auf die Mannschaft verlassen können, auch wenn die Gesamtverantwortung bei ihm liegt.
Inwiefern ändert sich denn Ihr Aufgabengebiet überhaupt?
Die internen Aufgaben bleiben gleich, da gibt es keinen großen Unterschied. Neu ist der Anteil externer Gremienarbeit. Wie etwa in der AGBF (Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland, Anm. d. Redaktion) oder der VFDB (Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e. V.), in der Herr Ries ja sehr aktiv war. Es ist aber noch nicht abschließend entschieden, welchen Gremien ich zukünftig angehöre.

Die internen Aufgaben bleiben gleich, da gibt es keinen großen Unterschied. Neu ist der Anteil externer Gremienarbeit.

Gremienarbeit ist Ihnen ja nicht unbekannt. Sie waren ja bereits bei den Vereinten Nationen in der Expertengruppe zur Erkundung und Koordinierung von Katastrophen, der UNDAC, Mitglied. Wie kam es dazu?
Im August 1999 gab es ein schweres Erdbeben in der Türkei und löste unter anderem einen großen Raffineriebrand aus. Die Feuerwehr Frankfurt unterstützte zusammen mit diversen Partnern erfolgreich die Brandbekämpfung und bekam in der Folge einen Platz im UNDAC-Team angeboten. Herr Ries winkte aufgrund der problematischen Abkömmlichkeit als Amtsleiter - ad hoc für zwei bis drei Wochen - dankend ab und verwies damals auf mich. So kam ich als erster deutscher Feuerwehrangehöriger ins UNDAC-Team und das hat mich mit am meisten geprägt für meine Arbeit.
Inwiefern?
Beispielsweise war ich nach dem Tsunami 2004 in Indonesien, in Banda Aceh. Die Region war am schlimmsten betroffen und zu der Zeit noch Bürgerkriegsgebiet. Da haben Rebellen regelmäßig nachts ein benachbartes Polizeirevier beschossen und Sie sollen als Zivilist für die Sicherheit ihrer Leute sorgen. Wie kommuniziert man, wenn die Infrastruktur komplett weggebrochen ist? Wie entscheidet man? Seitdem gibt es sehr wenige Szenarien, die mich tatsächlich aus der Fassung bringen.
Diese Gelassenheit hilft Ihnen auch hier?
Das Wort Katastrophe wird bei uns ja inflationär verwendet. Eine gewisse Grundgelassenheit ist wichtig. Gelassenheit ist das einzige Rezept, das wirklich hilft, denn erschrocken und aufgeregt sind in Ausnahmesituationen schon andere.
Welche Herausforderungen gibt es nun hier für Sie? Bei Ihrer Amtseinführung war sowohl vom Feuerwehrkonzept 2020 als auch 2040 die Rede.
Das Feuerwehrkonzept 2020 sah die Dezentralisierung der Standorte vor. Damit sind wir fast fertig, wir müssen nur noch den Standort in Nieder-Eschbach (Feuer- und Rettungswache 10, Anm. d. Red.) verlegen.

Im August 1999 gab es ein schweres Erdbeben in der Türkei und löste unter anderem einen großen Raffineriebrand aus. Die Feuerwehr Frankfurt unterstützte zusammen mit diversen Partnern erfolgreich die Brandbekämpfung und bekam in der Folge einen Platz im UNDAC-Team angeboten.

Warum?
Wir haben im Nordwesten eine gewisse Unterdeckung. Immerhin haben wir im Stadtteil Kalbach-Riedberg einen stark wachsenden Stadtteil mit über 18 000 Einwohnern. Die gesetzliche Hilfsfrist können wir dort einhalten, aber das noch etwas ambitioniertere Frankfurter Schutzziel sieht ein Erreichen des Einsatzortes nach maximal fünf Minuten Fahrzeit vor.


Sie sprechen das kontinuierliche Wachstum der Stadt an. Brauchen wir dann nicht auch mehr Feuerwehrleute?
Wenn die Stadt im bisherigen Maße weiter wächst, wird die Feuerwehr im Sinne der gesetzlichen Vorgaben und des 2004 beschlossenen Schutzziels irgendwann nachsteuern müssen. Aber da gibt es keinen unmittelbaren linearen Ansatz. Grundsätzlich wäre die Personaldecke im Schichtdienst der Feuerwachen, die wir seit 2004 haben, auch heute noch annähernd ausreichend. Aber seitdem gibt es leider einige Bundes- und Landesregelungen, die einen starken Einfluss auf unseren Personalkörper nehmen.
Welche?
Ich will nur mal die drei relevantesten nennen. Seit 2007 gibt es das landesweite Lebensarbeitszeitkonto. Damit wurde für unseren Einsatzdienst faktisch aus der 48-Stunden-Woche eine 47-Stunden-Woche. Was erst mal nicht dramatisch klingt, erzeugt rund 35 000 Stunden pro Jahr und führt seit zehn Jahren zu einem immensen Überstundenaufbau. Mittlerweile sind wir bei rund 390 000 Überstunden alleine im Einsatzdienst angelangt. Zur Kompensation dieses Effekts bräuchten wir 21 zusätzliche Stellen im Einsatzdienst. Dazu kommen die Erziehungszeiten, die mit jährlich etwa 20 000 Stunden oder umgerechnet 12 Stellen zu Buche schlagen. Des Weiteren sorgt die seit 2017 neue Wochenfeiertagsregelung für ein weiteres Defizit von zehn Stellen. Das alles nagt mittlerweile heftig am Taktischen Feuerwehrkonzept 2020 und dem damit verbundenen Sicherstellungsauftrag.
Was beinhaltet nun das neue Feuerwehrkonzept 2040?
Dabei geht es um nichts anderes als die Frage, worauf wir uns zukünftig stadtweit einstellen müssen. Wir werden beispielsweise häufiger angefordert. Durch eine höhere Inanspruchnahme kommt es zu Parallelereignissen und zunehmender Unterdeckung, vor allem in der Innenstadt.
In welchen Bereichen brauchen Sie mehr Personal?
Wo wir in den nächsten Jahren den intensivsten Nachsteuerungsbedarf haben, ist im Bereich der Leitstelle, dem Herzstück unserer Organisation. Spätestens seit den Terroranschlägen in den USA 2001 und den Folgeereignissen der letzten Jahre sind wir auch in der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr mit neuen Planungsszenarien konfrontiert. Wir müssen heute in jeder Hinsicht bei bestimmten öffentlichkeitswirksamen Ereignissen viel schneller reagieren als noch vor 20 Jahren. Dies betrifft im Zeitalter digitaler Medien und der Verbreitung von Meldungen in Echtzeit in erster Linie unsere Leitstelle, die aktuell mit durchschnittlich sechs Mitarbeitern pro Schicht am Regelgeschäft ausgerichtet ist und bei bestimmten Lagen nicht alle Bedarfe der unmittelbar erforderlichen Kommunikation in der wichtigen Erstphase abdecken kann. Einige deutsche Großstädte haben sich diesem Mehrbedarf bereits gestellt.
Wie viele zusätzliche Mitarbeiter brauchen Sie denn für die Leitstelle?
Dazu können wir noch nichts sagen, wir haben aktuell einen Gutachter beauftragt, das zu ermitteln.
Inwieweit belastet denn die aktuelle Serie von Bränden von Holzbauten, Gartenhütten und Autos die Feuerwehr zusätzlich?
Das hat jetzt keine konkreten Auswirkungen auf unsere Taktik. Bei bestimmten Meldungen ist man natürlich sensibilisiert und denkt, das könnte jetzt wieder eine Brandstiftung sein, aber da die Brandermittlung bei uns in Deutschland komplett Sache der Polizei ist, beschäftigt uns das im Nachgang nicht dauerhaft.