Spiegel Online, 13.12.2017

 

Der Mann, der die Eintracht verwandelt hat

Niko Kovac verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern. Eintracht Frankfurts Trainer hatte auf der Pressekonferenz ausführlich über den 2:1-Auswärtssieg beim Hamburger SV gesprochen und war anschließend auf dem Weg Richtung Mannschaftsbus sogar noch stehengeblieben, als Journalisten weitere Fragen hatten. Die Auswärtsstärke, die Diskrepanz zwischen Heimspielen und Auftritten in der Fremde, sein Vorrundenfazit: Kovac sprach über alles.
Für eine finale Hinrunden-Bilanz wolle er erst noch das letzte Heimspiel gegen Schalke 04 sowie die DFB-Pokal-Partie bei Zweitligist Heidenheim abwarten, sagte Kovac. Allerdings ließ er bereits wissen: "Wir sind schon nicht unzufrieden."
Aus einem Abstiegskandidaten hat der gebürtige Berliner innerhalb von 21 Monaten ein Team geformt, das nach 16 Spielen die beste Auswärtsbilanz der Liga aufweist und nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber den punktgleichen Dortmundern nicht auf Champions-League-Qualifikationsplatz vier steht.
Rückblick: Am 8. März 2016 wird Kovac als neuer Eintracht-Trainer vorgestellt. Das Fundament, das er bei seinem Amtsantritt vorfindet, ist äußerst wackelig. Der Traditionsverein steht nach dem 25. Spieltag auf Relegationsplatz 16. Unter Kovac rettet Frankfurt in der Relegation gegen Nürnberg
gerade so den Bundesliga-Verbleib.
Nachdem das Schlimmste verhindert ist, beginnt Kovac mit dem Neuaufbau. Vor der Saison 2016/2017 nimmt er zusammen mit Manager Bruno Hübner wichtige Veränderungen vor, viele Spieler müssen gehen, werden unter anderen durch Leihprofis von großen Vereinen wie Manchester United (Guillermo Varela), FC Chelsea (Michael Hector) und Real Madrid (Jesús Vallejo) ersetzt.
Das Konzept geht auf, die Eintracht überwintert auf Platz vier, beendet die Saison im gesicherten Mittelfeld. Basis ist die Defensive, unter Trainer Kovac ist es für Gegner schwer, die Verteidigung der Eintracht zu knacken. Vergangene Saison stellte sie die siebtbeste Abwehr der Liga. Aktuell läuft es noch besser, 17 Tore kassierte Frankfurt bislang, besser sind nur die Bayern (elf).
Die Säulen sind Torhüter
Lukas Hradecky, Kapitän David Abraham oder Mittelfeldwühler Kevin-Prince Boateng. Dass Hamburg geschlagen wurde, obwohl Abraham bereits nach acht Minuten verletzt ausgewechselt werden musste, Boateng erst nach einer Stunde in die Partie kam und Top-Stürmer Sébastien Haller (5 Tore) 90 Minuten auf der Bank blieb, zeigt, wie ausgeglichen die Eintracht mittlerweile besetzt ist. "Wir sind nicht nur elf, wir sind mehr. Die Breite des Kaders ist sehr wichtig für uns", sagte Sportvorstand Fredi Bobic.
Ein Beispiel dafür ist Timothy Chandler. Der Flügelspieler gab nach sieben Wochen Verletzungspause wegen einer Meniskus-OP sein Comeback - und bereitete gleich beide Frankfurter Tore vor. Man habe gesehen, so Chandler, "was eine eingeschworene Einheit, die bis zum Ende kämpft, erreichen kann." Er ist seit 2014 in Frankfurt und somit einer der Etablierten. Chandler sagt, dass er unter Kovac "nochmal sehr viel gelernt" habe und "richtig zum Profi gereift" sei.
Und er dürfte auch künftig von Kovacs Qualitäten profitieren. Der Trainer hat einen Vertrag bis 2019 bei der Eintracht, Chandler sogar bis 2020. Man werde also, sagt der 27-Jährige, "noch schöne Zeiten in Frankfurt erleben."
Doch wie viel schöner kann Kovacs Kunstwerk eigentlich noch werden? Der Trainer selbst sieht noch jede Menge Arbeit - und damit auch: Potenzial. Da ist zum Beispiel die Heimschwäche. Frankfurt hat in sieben Spielen nur sieben Tore geschossen und sieben Punkte geholt. "Wir haben Schwierigkeiten, zu Hause das Spiel zu machen - aber daran arbeiten wir", sagt Kovac.
Diese Defizite zu verbessern würde bedeuten, dass die Eintracht tatsächlich ein Kandidat für den Europacup wäre. Angesichts der Formschwankungen etlicher Top-Teams scheint die Qualifikation in dieser Saison machbar. Das war so ziemlich das einzige, worüber Kovac an diesem Abend nicht sprechen wollte.


Link zum Artikel