NZZ am Sonntag, 13.05.2007

 

Stuttgart in der Pole-Position

Schalke 04 nach dem 0:2 im Derby gegen Dortmund nicht mehr Bundesliga-Leader

Stefan Osterhaus, Dortmund
Wie gross das Denkmal ausfallen wird, das die Dortmund-Anhänger Christoph Metzelder setzen werden, ist noch nicht abzusehen. Noch ist kein Platz gefunden, ein Spieltag ist ja auch noch zu absolvieren. Doch bleibt die Konstellation an der Tabellenspitze bestehen, wird Stuttgart und nicht Schalke Meister, dann wird es ganz sicher kommen, daran dürfte niemand zweifeln. Zweimal lancierte der Defensiv-Stratege der Borussia, der den Klub zum Saisonende verlassen wird, seine Mitspieler in vorderster Reihe. Einmal traf Alex Frei (44.), einmal der Pole Ebi Smolarek (85.); es dürften nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit die Treffer gewesen sein, die Schalke 04 den Titel gekostet haben. Dortmund schlägt Schalke 2:0 im 129. Derby - nur ein paar Kilometer weiter besiegt der VfB Stuttgart den VfL Bochum im Ruhrstadion 3:2 und distanziert Schalke um zwei Punkte. Vor der letzten Runde haben nun die Schwaben die Pole-Position inne. Und weil Werder Bremen sich mit einem unerklärlichen Auftritt im Weserstadion gegen Eintracht Frankfurt (1:2) effektiv aus dem Titelkampf verabschiedete, steht Stuttgart vor einem Titelgewinn, der vor der Saison als so sensationell gegolten hätte, wie wenn Ghana Weltmeister geworden wäre. Gratulationen wollte Coach Armin Veh nach dem Match der Stuttgarter in Bochum nicht entgegennehmen. Es war eine chaotische Auseinandersetzung. Zweimal hatte der VfB zurückgelegen. Mario Gomez, der junge Goalgetter, der zwei Monate lang wegen einer Verletzung gefehlt hatte, war eingewechselt worden. Er traf mit der ersten Ballberührung zum 2:2. Cacau erzielte den Siegtreffer, Keeper Hildebrandt sicherte mit einer Parade, die in ihrer Schnelligkeit fast schon als unheimlich zu bezeichnen ist, den Sieg.  Im Elend waren dagegen die Schalker Professionals. Wer sie an diesem Nachmittag erlebt hat, der dürfte keinen Zweifel daran haben, dass sie das Schicksal des Zweiten schon jetzt akzeptiert haben. Das Derby nahm für Schalke einen albtraumhaften Verlauf und führte beinahe alle in Gedanken zurück ins Jahr 2001, als ihnen ein Freistoss, den die Bayern in der Nachspielzeit ihrer letzten Saison-Partie verwandelten, den Titel kostete. Diesmal waren es keine unglücklichen Umstände. Es ist nicht einmal ein kleines Drama. Dortmund war schlicht das bessere Team, das den Gegner nach anfänglichen Schwierigkeiten beherrschte. Coach Mirko Slomka wagte nicht einmal den Blick nach vorn, um die Möglichkeit eines Stuttgarter Blackouts in Bochum zu beschwören. Er beteuerte lediglich, dass er sein Team in der ersten Halbzeit für das bessere gehalten habe. Doch weil Schiedsrichter Fandel die Regelauslegung sehr genau nahm (und jeden Verstoss, ganz gleich in welche Richtung, konsequent ahndete), blieb nicht einmal der Unparteiische als Zielscheibe für die Enttäuschung des Trainers.  Später, als sein Blick zurück auf das Spiel schärfer wurde, gestand Slomka ein: zu wenige Möglichkeiten seiner Mannschaft, zu wenig Engagement, zu wenig Härte in den Duellen. Schalkes Anhang, der nicht ganz zu Unrecht für sich in Anspruch nimmt, der beste der Liga zu sein, war angesichts der Geschehnisse paralysiert. Die Häme, die ihm von der Dortmunder Südtribüne entgegenschallte, machte ihn stumm. In Dortmund dagegen sind die Feierlichkeiten schon bereitet. Aber niemand will auf den Saisonverlauf der Borussia anstossen. Die Party würde einer langen Serie des FC Schalke 04 gelten: Fünfzig Jahre lang ist der Kontrahent aus Gelsenkirchen dann nicht mehr Meister geworden.