T-Online.de, 11.11.2017

 

Nach 415 Jahren: Ältestes Leihamt wird geschlossen

Kommunen

11.11.2017, 08:38 Uhr | dpa
Deutschlands ältestes Leihamt wird geschlossen. Die Stadt Augsburg wird den Betrieb
ihrer Pfandleihe Ende 2018 nach dann 415 Jahren einstellen. Die Kommune begründet dies
mit der privaten Konkurrenz und mit den Möglichkeiten des Handels via Internet.
In den vergangenen Jahrzehnten hatten bereits andere Städte ihre Ämter für Kleinkredite an
Bürger geschlossen. Derzeit gibt es bundesweit nur noch vier Leihhäuser unter kommunaler
Regie - die drei anderen sind nach der 1603 gegründeten Augsburger Pfandleihanstalt
eingerichtet worden. Das schwäbische Leihamt ist zudem heute die letzte Einrichtung ihrer Art in
Form eines klassischen Amtes innerhalb der normalen Stadtverwaltung.
Denn die Stadt Mannheim führt ihr Leihamt inzwischen als Anstalt des öffentlichen Rechts, die
Stuttgarter Pfandleihe ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft und das Nürnberger Leihhaus
wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem der Stadt nahestehenden Verein weitergeführt.
Daneben gibt es mehr als 200 private Pfandkreditunternehmen in Deutschland. Die 1650
gegründete Regensburger Pfandleihe gilt in diesem Bereich als die älteste, sie gehörte allerdings
bis vor einem halben Jahrhundert ebenfalls der Stadt. Die Idee der öffentlichen Leihhäuser war im
späten Mittelalter zunächst in Italien entstanden, sie sollten privaten Wucher eindämmen.
In Augsburg hat der zuständige Ausschuss des Stadtrates nun das Ende der Traditionseinrichtung
beschlossen. Grund dafür sei "die deutlich gesunkene Nachfrage nach Kleinkrediten, die von der
Stadt gegen die Einreichung eines Pfandes angeboten und vergeben wurden".
Ein Mitarbeiter steht im Leihamt in Augsburg. Foto: Stefan Puchner (Quelle: dpa)
Leihamts-Mitarbeiter Jürgen Luttmann erklärt die Entwicklung mit den heute üblichen Online-
Plattformen für Versteigerungen und Kleinanzeigen. "Man kommt im Internet leichter zu Geld als
früher", sagt er. Zudem gebe es auch in Augsburg inzwischen einen privaten Anbieter.
Nur noch bis Ende Dezember 2017 ist es nun möglich, in dem Leihamt gegen Pfand einen Kredit
zu erhalten. Die noch laufenden Verträge sollen dann in den kommenden zwölf Monaten
abgewickelt werden.
Der Pfandkredit ist eine der ältesten Formen, ein Darlehen zu bekommen. Die Menschen bringen
ihre Wertgegenstände in das Leihhaus und bekommen für einige Monate gegen Zinsen Geld. Als
Pfand werden oftmals Uhren und sonstiger Schmuck abgegeben, aber auch Münzen, Porzellan
oder Kameras wandern in das Leihhaus. Zudem gibt es spezielle Auto-Pfandleihen. "Schmuck ist
der Renner", berichtet Luttmann. Der mache 95 Prozent des täglichen Geschäfts aus. Wenn der
Eigentümer die Gegenstände innerhalb der vereinbarten Zeit nicht auslöst, werden sie versteigert.
Nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes sind die Zinsen und
Gebühren seit mehr als fünf Jahrzehnten staatlich festgelegt und unverändert. Für einen
Kurzkredit von maximal 300 Euro sind ein Prozent Zins pro Monat fällig sowie eine Vergütung für
die Lagerung des Wertgegenstandes und die Kreditabwicklung. Laut dem Verband nutzen etwa
eine Million Menschen pro Jahr in der Bundesrepublik das Angebot, der Umsatz der Unternehmen
liege bei mehreren hundert Millionen Euro.