www.ndr.de, 24.10.2017

 

Nicolaisen und Stein - die "Anfänger" im Bundestag - mit Audio Link

Montagvormittag im Berliner Büro von Petra Nicolaisen (CDU). Im Raum steht ihr Rollkoffer, sie ist erst kürzlich angekommen. Auf dem Schreibtisch Blumen, die sie zum Start bekommen hat. Einzig ein Computer fehlt. "Den habe ich bisher nicht von der Verwaltung des Bundestages bekommen. Eventuell verzichte ich auch und bleibe beim Laptop", sagt Nicolaisen. Den hat sie bereits wenige Tage nach ihrer Wahl bekommen. Inklusive aller wichtigen Zugänge, damit sie beginnen kann zu arbeiten. "Richtig Ruhe kommt aber erst rein, wenn das Büro fertig ist. Es wird nochmal komplett umgebaut und gestrichen", sagt die Wanderuperin.

Ein Bürohaus so groß wie ein Dorf in Schleswig-Holstein

Nicolaisen saß bis vor wenigen Wochen noch im Landtag in Kiel. Das Bundestagsgebäude könne man damit aber kaum vergleichen, findet sie und zieht einen Vergleich mit ihrer Heimatgemeinde. "Wanderup würde hier locker reinpassen", scherzt die lebenslustige Frau mit der Brille. Übertrieben ist das nicht: Immerhin führt der Weg der neuen Bundestagsabgeordneten zum Plenarsaal über einige gläserne Brücken und durch unterirdische Gänge durch das "Jakob Kaiser Haus".
Es ist das größte Parlamentsgebäude Deutschlands - mit 1.745 Büros. Nicolaisen gibt zu: "Ich verlaufe mich hier ständig, ein Mitarbeiter von mir, der schon länger in den Regierungsgebäuden arbeitet, hilft mir aber."

Büromaterial zu verschenken

Matthias Stein kramt in einem Karton auf einem Flur des "Paul Löbe Hauses", eines Bürokomplexes auf der gegenüberliegenden Seite des Bundestages. "Zu verschenken" steht auf der Klappe - und der SPD-Mann fischt sich zwei leere Ordner raus, die er gebrauchen kann. "Es ziehen hier gerade so viele Abgeordnete aus und um, die lassen dann einiges hier", sagt der Kieler. Ein festes Büro hat er noch nicht zugewiesen bekommen, noch arbeitet er mit seinem Laptop im Büro eines Kollegen am "Katzentisch", wie Stein seinen Platz lächelnd nennt.  

Klönschnack auf den Gängen

Stein hat vor seiner Wahl in der Verwaltung des Nord-Ostsee-Kanals gearbeitet. Die riesigen Gebäude kannte er bisher nur als Besucher, orientieren kann er sich trotzdem schon ganz gut. "Über die Glasbrücke geht es zum Plenarsaal", sagt der frisch gebackene Abgeordnete. Gefühlte Kilometer weiter steht er aber vor der verschlossenen Tür. "Dort hinten links müsste es sein", beschreibt Stein grob, wo er bei der konstituierenden Sitzung seinen Platz haben wird. Immer wieder trifft er auf den Gängen neue Kolleginnen und Kollegen "Ach, Du hast auch noch kein Büro. Gibt es doch gar nicht", sagt ein Abgeordneter beim kurzen Klönschnack im Vorbeigehen.

Rechtzeitig los, um den richtigen Platz zu finden

Der Tag der konstituierenden Sitzung beginnt für beide Abgeordneten früh: Petra Nicolaisen geht noch zu einem Gottesdienst, extra für Abgeordnete, für Stein steht eine Fraktionssitzung auf dem Programm. Dann wird es ernst: Von der "Fraktionsebene" über dem Plenarsaal aus wirft Petra Nicolaisen einen letzten Blick durch die gläserne Kuppel in den Saal. Sie weiß mittlerweile, wo sie hin muss. Stühle sind aber keine fest zugeteilt. "20 Minuten vorher ist eine gute Zeit, um runter zu gehen und in Ruhe zu gucken", sagt sie und ist schon unterwegs.

Die erste lange Sitzung

Etwas später startet auch Stein in Richtung Plenarsaal. Heute darf er rein. Es wird über Anträge diskutiert und abgestimmt. Es werden Vorträge gehalten und der Parlamentspräsident gewählt. Schließlich scheitert der AfD-Vorschlag für einen Stellvertreter. Über ihn wird sogar drei Mal abgestimmt - trotzdem scheitert er. Die erste Sitzung für die beiden neuen aus Schleswig-Holstein dauert daher mit rund sechs Stunden länger als erwartet. Sichtlich erleichtert und noch immer fasziniert, kommen beide schließlich aus dem Saal. Einen Stockwerk höher gibt es einen Empfang mit Schnittchen und Sekt für die Abgeordneten "Es war ein würdevoller Tag", findet Petra Nicolaisen. "Das emotionalste war für mich die Wahl des Bundestagspräsidenten."

Zu spät zum Plenarsaal los gekommen

"Ich war dann doch zu spät dran und musste ganz hinten sitzen", resümiert Stein den Tag. Das Wort "würdevoll" benutzt auch er. Ein guter Start sei das gewesen, sagt der SPD-Mann. Von morgen an beginnt der normale, politische Betrieb in Berlin. Künftig wollen sich die beiden neuen Bundestagsabgeordneten aus Schleswig-Holstein über Themen austauschen, die das Land bewegen. Manchmal sei der Norden wichtiger als die Parteizugehörigkeit - da sind sich beide einig, als sie einen ersten Sekt miteinander trinken und nochmals einen Blick durch die riesige Glaskuppel auf den Plenarsaal werfen.  

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